Herbst – Rainer Maria Rilke
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.
Für alle Fälle
Gewiss, der Fall der Blätter gehört zu den Assoziationen, die mit dem Herbst verbunden bleiben. Aber gilt das auch für „ferne Gärten, „verneinende Gebärden“ und eine „schwere Erde“, die in die „Einsamkeit“ fällt? Und gewiss steht die Lyrik von Rainer Maria Rilke (1875–1926) exemplarisch für die literarische Moderne. Auch sein „Herbst“ ist ein wunderbares Spiel von Sprache und Rhythmus. Aber erklingt in unserem Innern nicht außerdem die bekannte Melodie zu “Bunt sind schon die Wälder“, welche „gelbe Stop- pelfelder“, „rote Blätter“, und „Pfirsiche mit Streifen“ vor uns erstehen lässt? Und doch, Rilke scheint recht zu behalten. Die menschliche Existenz findet ihr oft hartes und selten buntes Ende im Tod. Das so gravierende letzte Fallen ertragen wir allenfalls „mit verneinender Gebärde“. Doch „Halt!“, glaubt man Rilke fast zu hören, „da ist doch Trost“, da ist doch „Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält“. Spricht Rilke hier vom Gott der Bibel, der für Christen allein maßgeblich sein kann? Die Antwort lautet wohl nein, denn laut Burkhard Reinartz‘ Rilke-Beitrag vom 25. Mai 2015 in deutschlandfunk.de ist Jesus in seiner Mittlerrolle zwischen Gott und den Menschen Rilke „zeitlebens fremd“ geblieben. Ohnehin ist für uns nicht entscheidend, wen er mit „Einer“ gemeint hat, sondern wer es ist, dem wir uns in unserer von Rilke mit Recht betonten herbstlichen Vergänglichkeit anvertrauen sollen. Es ist der, den Rilkes Dichterkollege Matthias Claudius (1740–1815) mit den Worten bezeugt:
Es ist nur Einer ewig und an allen Enden, und wir in seinen Händen. Es ist der Vater im Himmel. Er ist unser Trost und Halt – für alle Fälle.
Peter Klaus, St. Ingbert, und Schwager Karl Wilhelm Geck